Kunst und Philosophie als metareflexives Cut-up
Kunst als metareflexives Cut-Up und ihre Aura im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz
Ein Essay von Giesbert André Hajowsy, Philosoph
Auf den ersten Blick begegnen uns lebendige, kräftige Farben und Formen, Bäume, die sich über einem Hintergrund bewegen oder geometrische Strukturen, die uns Mondrian ins Gedächtnis rufen, während derselbe Blick uns zugleich offenbart, dass uns diese Farben, Formen und Figuren auf Buchseiten entgegentreten. Nähertretend erkennen wir, dass es sich um die Seiten eines sehr alten Buches handeln muss, auf denen sich die Patina der Zeit niedergelassen hat. Noch genauer hinschauend entdecken wir Gedichte und Illustrationen aus ferner Vergangenheit. Die Bilder zeigen Berge, Täler, Wälder, die Gedichte geben die Impressionen wieder, versuchen das Gefühl einer Landschaft einzufangen. Nur das einer Landschaft? Ein Vers, sichtbar neben, ja unter modernen abstrakten Formen, spricht zu uns in einer Sprache, die heute kaum mehr zu finden ist:
„Weil du in deinem Düster
Manch Rätsel wunderzart
Beim leisen Laubgeflüster
Dem Dichter offenbart.“
Zeilen, die uns heute kitschig erscheinen. Und mit einem erschließt sich, was hier geschieht. „Die Welt von Gestern“, wie es Stefan Zweig einmal so schön ausdrückte, trifft unvermittelt auf ein Zitat der Moderne. Der Kenner wird sich an Henri Matisse und seinen Künstlerband „Jazz“ erinnert fühlen. Hier tritt unvermittelt das Zitat einer Kunst auf, die abstrakt eine Art der Musik in die bildende Kunst übersetzt, indem sie ihre Bewegtheit, Improvisation, ihren Rhythmus aufgreift. Die Formen schlingern wie die Motive eines Saxophonisten. Und in ihrer reinen Form treten sie in den Gegensatz zu dem Fundament, von dem sie getragen werden. Dem älteren Gedichtband. Einen ähnlichen Eindruck gewinnen wir bei der Betrachtung eines Bildes, das wiederum weitere Seiten desselben Buches als Leinwand benutzt und die strengen geometrischen Formen Mondrians darüber legt, fast, als wollten diese den Text in einem neuen, klaren Muster ordnen.
Fragen kommen auf. Hat die Künstlerin, Corinna Heumann, hier diese Formen gelegt, um die Wirkung alter Gedichte und Bilder zu durchkreuzen oder hat sie ihnen eine neue Akzentuierung gegeben, die bewusst einige Verse als Kontrast hervorheben? Fragen, auf die wir Antwort suchen. Und diese Suchbewegung ist Teil von Heumanns Werken. Hier entsteht Dialog und Konflikt, Kontrast und Vereinigung verschiedener Zeiten, verschiedener kultureller Epochen und darüber hinaus verschiedener Formen künstlerischen Ausdrucks, kreativer Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Welt und sich selbst. Text, Dichtung trifft auf Malerei, Zeichnung, Collage, postmoderne Cut-Up-Art. Heumann erlaubt uns mit ihren Werken, einen multidimensionalen Blick auf unsere Kultur und Geschichte zu werfen. Durch ihre Collage-Technik erschließt sich diese Multidimensionalität in einem aufblitzenden Moment, wir begegnen allen Momenten binnen eines Wimpernschlages. Im Hier und Jetzt. Während wir selbst Teil einer Epoche des Umbruchs sind.
Denn ihre Werke begegnen uns genau in dem Augenblick, da die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz alles im Tempo einer technischen, kulturellen und sozialen Revolution zu verändern, umzuwerfen und neu zu ordnen scheint. Mit der Geschwindigkeit eines Zeitraffers werden plötzlich nicht mehr nur mechanische Arbeiten automatisiert und ganze Produktionszweige im industriellen Bereich automatisierbar organisiert. Künstliche Intelligenz dringt in eine Sphäre vor, die bislang als die menschlichste unter den menschlichen Fähigkeiten galt: in die Sphäre geistiger Arbeit. Nicht nur Buchhalter, deren Abteilungen schwinden, sind betroffen. Nicht nur organisatorische Arbeiten wie Finanzplanung, Dokumentation oder Verwaltung sind von dieser Umwälzung betroffen, sondern auch die kreative Arbeit, der künstlerische Ausdruck. Künstliche Intelligenz erlaubt die Generierung von Zeichnungen, Gemälden, Fotografien, Collagen, Musikstücke, Klangwelten, Videos. Oft reicht die Schilderung einer Idee als Initiation der Generierung. Kein Pinsel wird zur Hand genommen, kein Stift gezückt, keine Gitarrenseite angeschlagen, es braucht nicht einmal mehr eine Kamera. Schon jetzt wird der Musikmarkt massenhaft mit generierter Musik überschwemmt. Und nicht immer ist klar, wer dahintersteckt, welche Absichten verfolgt werden. Ob es ein künstlerischer Selbstausdruck ist oder nur eine Maschinerie, deren Ziel rein kommerziell ist. Denk- und machbar ist die Generierung hunderter neuer Werke von Picasso, von Matisse, Van Gogh oder eben Mondrian. Mit einer einfachen Ablehnung, mit einem Abwenden des Blicks ist es nicht getan. Die Möglichkeiten sind da, ihre Umsetzung hat begonnen. Ebenso die Konflikte, die damit einhergehen, Angst und Verunsicherung die entstehen. Von der sozialen Problematik zu schweigen. Dennoch gibt dasselbe Mittel der Künstlichen Intelligenz vielen Menschen hier auch positive Möglichkeiten an die Hand: plötzlich ist es jemandem, der nicht die Fähigkeit, Zeit, die körperlichen Voraussetzungen hat, zu malen oder zu musizieren, möglich, sich in generierten Werken auszudrücken und zu spiegeln. Ebenso kann er die Ergebnisse der mit Hilfe Künstlicher Intelligenz umgesetzten Ideen der Welt im Internet vorstellen. Gefahr und Chance sind miteinander unauflösbar verwoben. Die Masse an Werken, die entsteht, kann sogar in eine regelrechte Inflation künstlich generierter künstlerischer Werke münden. Und diese mag dazu führen, dass wieder ein Bedürfnis nach Echtheit, nach Originalität, nach Materialität und handwerklicher Virtuosität entsteht. Oder wird dieses nicht vielmehr gar nicht erst verschwinden? In diese Fragen sind wir hineingeworfen. Wir alle sind aufgerufen, Antworten zu suchen. Wir müssen Antwort geben. Als Schaffende wie als Rezipienten. Es ist dieser Problemkreis, der auch Corinna Heumann umtreibt und in ihre gestalterische wie schriftliche Arbeit einfließt. Sie sucht nach Antworten in einem Kontext, der auch von den Theorien Walter Benjamins und Roland Barthes beeinflusst ist.
Kultur ist unser höchstes Gut, sie bewegt sich zwischen Tradition und Neuerung, Kontinuität und Bruch, Ausdruck und Eindruck, Dialog und Spiegelung. Sie bewegt ist Erscheinung des menschlichen Wesens, individuell und gesellschaftlich. Genau diese Bewegung spiegelt sich in Heumanns Werken auf einzigartige Weise. Ihre Art und Weise, Epochen miteinander zu verknüpfen, ins Gespräch zu bringen, ja im Sofort eines Wimpernschlags zusammenzuführen, erlaubt dem Betrachter eine tiefere Reflexion seiner selbst wie seiner Zeit. Situiert ihn in einem Hier und Jetzt, dem ein Dann und Damals begegnet. Eine Konfrontation, die das Wahrnehmen, Empfinden, Denken selbst bewegt und so fruchtbar wird.
Corinna Heumanns Werke und ihre Arbeitsweise lassen sich mit einem neologistischen Begriff des „metareflexiven Cut-Up“ auf den Punkt bringen. Sie zitiert, sie fügt zusammen, spielerisch, doch nicht im bloßen Spiel. Kultur lässt sich nur im Bruch fortschreiben. Ihre Art, moderne Werke zu zitieren, sie auf der Leinwand eines alten Gedichtbandes romantisierenden Charakters in Szene zu setzen, reflektiert Wandel und Bruch, sie reflektiert die Rolle von Schaffendem und Betrachter, sie reflektiert die Auseinandersetzung zwischen Menschen und Welt, auch die innere Auseinandersetzung. Die Seiten der Leinwand sind nicht beliebig, nicht zufällig gewählt. Vielmehr steckt darin ihr eigener Rückbezug auf die Landschaft, in der sie aufgewachsen ist und durch die sie geprägt worden ist. So kommen in ihrem Wirken allgemein kulturelle und kulturhistorische mit persönlichen und biographischen Reflexionen zusammen. Gedanklich und praktisch vermittelt treten sie hier in einer Form zusammen, die nur auf einer metareflexiven Ebene zu erreichen ist, der Reflexion der Reflexion. Dem Denken nachdenkend. Das Ergebnis überrascht, denn obgleich eine ganze Gedankenwelt in die Werke einfließt, bleiben diese zugleich intuitiv, emotional, sie machen das Gedachte sinnlich erfahrbar, ohne verkopft zu sein. Ebenso braucht der Betrachter die geistigen Hintergründe nicht zu kennen, um zu erfassen, was diese Collagen, besser diese komponierten Konstellationen intuitiv zu spüren. Zugleich entsteht die Neugier nach der Perspektive der Künstlerin, nach ihren Gedanken, ihrem Hintergrund, ihrem Wesen. Und diese Neugier trennt durch künstliche Intelligenz generierte Kunst von der ihren. Hier sind der Schwung und die Komposition eines leibhaftigen Menschen gegenwärtig. Materiell gegenwärtig in konkreter Situation, einer Vernissage, die es in dieser Konstellation nur einmal gibt, die der Betrachter nur einmal erleben kann, indem er selbst leibhaftig anwesend ist.
Genau hierin strahlt die Aura des Kunstwerks auf, wie sie von Walter Benjamin philosophisch erfasst und in seinem Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ festgehalten wurde. Ebenso wie wir heute war Benjamin mit technischen Umwälzungen konfrontiert, die binnen weniger Jahre und Jahrzehnte mit dem Auftauchen der künstlerischen Fotografie, des Films – erst stumm und dann tönend – und der Schallplatte sowie dem Radio aufgetaucht war. Für Benjamin stellte dies die Kunst vor ein entscheidendes Problem. Denn ein Gemälde oder eine Zeichnung hatten seine besondere Wirkung gerade dadurch entfaltet, dass sie nur einmal vorhanden waren, nur an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit materiell existierten und zugänglich waren. Gegenwärtig und sinnlich erfahrbar. Sein Begriff der Aura beschreibt genau diese Wirkung, diese Strahlkraft. Sie wurde für Benjamin durch das Foto und den Film angegriffen, relativiert, ihr Schwinden schien zu drohen. Denn von der Guernica Picassos ließen sich Fotos machen, aus den Fotos beliebig viele Abzüge produzieren. Die Guernica schien von ihrem Ort, dem Hier und Jetzt, der sinnlichen Präsenz, von ihrer Einmaligkeit abgetrennt, ja ihrer beraubt zu sein. Sie konnte nun gleichzeitig an beliebig vielen Orten gesehen werden, zu jeder beliebigen Zeit. Wir kennen heute die Fortentwicklung zum hochwertigen Poster, das die Wand unseres Schlafzimmers zieren mag. Genauso erlaubte der Film eine ganz andere Form der Darstellung – Städte wurden zu Kulissen, Menschen auf der Straße zu Statisten, Schauspieler verloren ihre Bühnenpräsenz und die direkte Interaktion mit dem Publikum. Die Karlsbrücke in Prag etwa war nun als Teil einer Szene im Kino in Madrid, in New York zu sehen. Schallplatte und Radio brachten die Musik nach Belieben und auf Knopfdruck in jedes Wohnzimmer, unabhängig vom Ort, überall zur selben Zeit. In dieser Entwicklung – und das ist entscheidend – sah Benjamin nicht nur Verlust und Gefahr oder die Möglichkeit pervertierender propagandistischer Inszenierung durch das nationalsozialistische System. Zugleich hatte Benjamin auch das Potenzial der Demokratisierung erkannt. Kunst war gleichsam nicht mehr der Privatbesitz einer kleinen Elite und nur wenigen zugänglich, sondern stand allen zur Verfügung, der Masse. Auch sah Benjamin die unterschiedlichen Funktionen und Intentionen, die die neue Technik erlaubte. Sie konnte auch emanzipierend, aufklärend, bildend wirken. So ihre Schöpfer und Verwalter dem geneigt wären. Heute stellen sich dieselben Probleme in Bezug auf die Künstliche Intelligenz: nicht nur die Reproduktion, auch das Generieren von Kunst wird Allgemeingut der Vielen, negativ konnotiert, der Masse. Wird diese Verfügbarkeit mit all ihren vorstellbaren Folgen der Aura des Kunstwerks den Todesstoß versetzen?
Der Begriff der Aura lässt sich am besten auf die bildende Kunst anwenden. Nicht umsonst hatte Benjamin seine theoretische Auseinandersetzung mit der Reproduzierbarkeit auf dieses Thema zentriert. Benjamins Folgerungen lässt sich jedoch auch kritisch gegenübertreten. Hat die Reproduzierbarkeit die Aura wirklich beseitigt oder gar zerstört? Dem Abzug einer Fotografie der Guernica kommt keine Aura zu. Der Abzug ist reiner Gegenstand von Markt und Alltag. Dennoch kann er die Bedeutung der Guernica weitertragen, der Erwerb eines Abzugs kann die Liebe zu einem Künstler und dessen Schaffen manifestieren. Das Original und dessen Gegenwart gibt es indes nie. Es bleibt – ein Abzug. So gibt es ein großes ABER: die Idee und der Schrecken der Guernica gehen auf diesem Wege auf Weltreise, die Schönheit der Mona Lisa, die romantische Atmosphäre der Karlsbrücke vor der einmaligen Kulisse Prags gehen gleichsam auf Wanderschaft. Und doch steht die Mona Lisa weiterhin im Louvre, findet sich Prag nur in Prag. Die Konstellation der engen Gassen und des Nebeneinanders unterschiedlicher historischer Epochen, geronnen in architektonisch besonderen Bauwerken lässt sich nur als Atmosphäre voll und ganz aufnehmen, wenn wir durch Prag selbst wandeln, wenn wir anwesend sind. Derselbe Unterschied klafft zwischen der Gegenwart eines Abzuges und seines Originals. Mehr noch kann die technische Reproduzierbarkeit die Sehnsucht nach der Gegenwärtigkeit der Aura hervorrufen. Und tatsächlich zieht der Louvre, zieht die Mona Lisa nach wie vor Massen an Besuchern an, die wenigsten ein paar wenige, viel zu kurze Momente selbst vor dem Original stehen wollen. Und in ähnlicher Weise werden die Fotografien einer Stadt wie Prag zugleich zu einer Einladung, die Reise dorthin zu machen, um zu spüren, zu atmen, zu durchwandeln, was auf dem Foto nur aus einer Perspektive präsentiert wird.
Zur Aura gehört Kultus, gehört Ritual. Und diese sind geblieben. Die Menschen haben sich nicht abgewandt. Ja, sie haben Kult und Ritus sogar auf wirkliche Erzeugnisse der Überflussgesellschaft bis heute übertragen. Musik auf dem Smartphone zu streamen und eine Schallplatte aufzulegen, die Drehgeschwindigkeit zu bestimmen, die Nadel in die Rille zu setzen, und dabei zuzusehen, wie aus dieser Bewegung und diesem Material Musik entsteht, die die Seele berührt, während man das Plattencover in Händen hält, ist nicht dasselbe. Die schönste Bestätigung dafür ist vielleicht die Rückkehr der Schallplatte, die Sehnsucht nach der materiellen Präsenz von Musik, die sich unter Jugendlichen erneuter Beliebtheit erfreut.
Im Zeitalter generierbarer Kunst, in der Epoche der Künstlichen Intelligenz, an deren Heraufziehen wir teilnehmen, fragt sich, ob es denn eine Aura des Generierten geben kann. Denn das Hier, das Jetzt, die Materie, die reale Gegenständlichkeit und deren begegnende Gegenwart in Situation, die Einmaligkeit, all das gibt es in der Form nicht. Auf die Gefahr einer Hyperinflation von Werken, deren eines das andere der Aufmerksamkeit beraubt und untergehen lässt, ist bereits angemerkt. Und selbst hier lässt sich ein interessanter Umkehreffekt, ein dialektischer Umschlag in eine gegenläufige Bewegung spekulativ antizipieren, denn gerade dies Inflationäre, gerade die Nicht-Gegenständlichkeit, gerade die nicht handwerkliche Schöpfung können wieder zum Desiderat werden. „Der Mensch“ ist ein tätiges Wesen, es sucht und schafft seinen Ausdruck, es eignet sich Fertigkeiten an und realisiert diese, wie Hannah Arendt es in Vita Activa beschrieben hat. Eine völlige Passivität und Untätigkeit erscheint in dieser Definition menschlicher Existenz schlicht unmöglich. Menschen werden Stellung beziehen und sie werden auf verschiedenste Weise auch in einer Welt, in der neben der ihren eine Künstliche Intelligenz entsteht und sich entwickelt, nicht auf ein aktives Leben verzichten.
Heumann reflektiert den Problemkreis um den Begriff der Aura sehr direkt und konkret, sie beantwortet die Fragen durch ihr Wirken und die lebendigen Werke, die aus ihm entstehen. Sie macht den Begriff selbst sinnlich fassbar. Seiten eines alten Buches, eines bestimmten Exemplars desselben werden eine einmalige Leinwand, genauso wie die eigensinnig und auf individuelle Weise zitierten Kunstwerke und Künstler in ihrer Malerei Einmaligkeit besitzen. Beides doppelt sich durch die komponierte Konstellation metareflexiver Cut-Up-Art. Dieses Werk realisiert so den Inbegriff der Aura in einer Zeit, in welcher diese durchaus als bedroht begriffen werden darf.
Auch ihre Art und Weise mit der Zitation zu verfahren, gewinnt eine bedeutungsvolle Tiefe in der Auseinandersetzung mit der Theorie vom „Tode des Autors“, die Roland Barthes entwickelt hat. Es wäre ein Leichtes, diese Wendung sofort auf die Generierung ganzer Bücher mittels Künstlicher Intelligenz zu beziehen. Jedoch besitzt sie bei Barthes eine andere Bedeutung, aus der sich eine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit herauskristallisieren lässt. Für Barthes ist ein Text, ein Gedicht, ein Roman nicht etwas, das aus der ursprünglichen, einzigartigen Stimme seines Autors hervorgeht, denn dieser ist seinerseits beeinflusst und geprägt durch eine bereits bestehende Welt von Zeichen, Bildern und Zitaten, die in sein Denken und Schreiben Eingang findet. Das Werk eines Autors ist ihm zufolge entstanden aus einem Gewebe an Zitaten im Kontext aller kulturellen Einflüsse, die ihn umgeben. Ein neuer Beitrag zur Kultur, zur Literatur in diesem Falle, entsteht nicht aus einem Nichts, er ist keine völlig spontane Erfindung ohne Vorbilder, sondern entstammt einem kulturellen Gewebe, welches ihm seinen Stoff, seine Möglichkeiten gibt. Der Autor benutzt eine Sprache und eine Schrift, die sich schon lange vor ihm und seiner Arbeit gebildet und Bestand gewonnen hat. Der Tod des Autors meint den Verlust seiner eingebildeten originären, gar genialischen Souveränität, er versetzt den Autor wieder in eine bescheidenere, realere Situation.
Darüber hinaus bestimmt der Autor nie allein über die Bedeutung seines Werkes, es wird nicht durch seine Intention determiniert. Denn es bedarf der Leser beziehungsweise der Betrachter, in dessen Rezeption sich die verschiedenen Bezüge in diesem Gewebe der Sprache, der Kultur realisieren. Auch hier wird die souveräne Verfügung über das eigene Werk dem Autor entzogen. In eins damit wird indes deutlich, dass Kunst in jeglicher Hinsicht nicht eingleisig sein kann. Ein Werk wirkt erst dann, wenn es in der Wahrnehmung, Fantasie und Reflexion eines Lesers oder Betrachters lebendig wird. Kunst ereignet sich in der Begegnung, im Dialog, in der Interaktion mit dem Publikum. Gerade für eine Antwort auf die Fragen nach den möglichen Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz und der Generierbarkeit von Kunst ist dieser Gedanke von zentraler Bedeutung. Denn am Ende entscheiden die Rezipienten, die Künstlerinnen und Künstler, was Kunst ist und was nicht, welchen Stellenwert sie hat. Es entscheidet sich in der Wirkung der Werke auf uns alle. Die Entwicklung der Menschheit hängt vom Denken und Handeln, vom Urteilen und Entscheiden der Menschheit selbst ab.
Corinna Heumann hat in ihrem Werk einen besonderen Schritt getan. Durch ihre Bilder, ihre Kompositionen, die Konstellationen, die sie schafft, reflektiert sie nicht nur die Theorie des kulturellen Gewebes und der Intersubjektivität der Bedeutung von Texten, wie sie von Barthes ausgearbeitet wurde. Heumann löst die Theorie von ihrer Bindung an das schriftliche Medium und transferiert sie in die Sphäre der Bildenden Künste. Ihr Werk macht sichtbar, wie kulturelle Bedeutungen durch Auswahl, Zitat, Trennung, Verschiebung und komponierter Konstellation neue Verbindungen entstehen. Jeder Aspekt eines ihrer Bilder, der entdeckt und erkannt wird, offenbart eine seiner Bedeutungsdimensionen. Der Betrachter erkennt Mondrian oder Matisse, er sieht sie in ihrem Verhältnis zu der Landschaft, die der Gedichtband in Text und Bild einfängt, er sieht das Alter der Buchseiten, entdeckt die Bedeutung, die sie als Leinwand gewinnen, doch bleibt alles stets Teil eines kommunizierenden Ganzen, das unterschiedlichsten Deutungen offensteht, ohne dass die eine Deutung die andere verdrängt. Der Betrachter ist bewusst in die Deutung einbezogen, aufgerufen, aus seinen Eindrücken eigene Schlüsse zu ziehen. In diesem Sinne ist Corinna Heumanns Werk geradezu eine Materialisierung der Vorstellung von Barthes, ein Text sei Schöpfung eines Gewebes kultureller Zitate.
Indes lässt sich an Heumanns Bildern etwas erkennen, das Barthes entgeht, wenn er eine Reduktion von Autorschaft und Text als Resultat eines Gewebes von Zitaten reduzieren würde. Künstlerinnen und Künstler sind nicht souveräne Erfinderinnen und Erfinder, die aus dem Nichts plötzlich etwas schöpfen könnten. Jedoch schwindet aufgrundessen ihre Bedeutung nicht. Denn der schöpferische Akt mit all seinen Momenten – Auswahl, Brechung, Handbewegungen, Pinselstrichen, erlernter Methode, angeeigneten Fähigkeiten, mit dem Rückbezug auf die Erinnerung und Biographie bleiben einzigartig. Gerade Heumann zeigt in ihren Arbeiten, in ihrem Denken, in ihrer Wahrnehmung, dass sie eine lebendige Aneignung der Welt und ihrer kulturellen Einflüsse vollzieht, die in ihr Werk eingeht. Sie bleibt Schöpferin. Am Ende ist auch der Tod des Autors am besten als Metapher interpretiert, die mit dem Geniekult brechen möchte, um den Autor in die gemeinsame Welt zurückzuholen.
Der Mensch, das Individuum, Künstlerinnen und Künstler, Rezipientinnen und Rezipienten gleichen einem Prisma. Das Licht stammt aus der Welt, aus dem Gewebe menschlicher Kultur und Geschichte. Die individuelle Brechung dieses Lichtes indes ist nicht austauschbar, sie kann auch nicht schwinden. Erst in dieser einmaligen Brechung entstehen neue Farben, entsteht neuer Zauber. Daher ist der Mensch dem Menschen unersetzlich. Im Schaffen, im Betrachten, im gemeinsamen Austausch weben wir alle an dem Gewebe, dessen Teil wir sind, auf je einmalige Weise. Ob die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz daran etwas zu ändern vermag, bleibt, bei aller Vorsicht gegenüber der möglichen inflationären Generierung von Kunst fraglich.
Für Heumann ist Kunst eine bestimmte Form der Spiegelung, aus welcher heraus der Mensch sich mit einer neuen Perspektive auf sich und die Welt wieder findet und erkennt.
Eine Vernissage ist die besondere Gelegenheit, eine einmalige Situation, in der das Werk Heumanns mit seiner Aura präsent ist, in der wirkliche Begegnung möglich ist: mit dem Werk, mit der Künstlerin, mit den allen, die anwesend sind. Eine einmalige Konstellation des Augenblicks. Oder, um es mit Hermann Hesse zu sagen: „Einmal so und nie wieder.“ Und ist es nicht gerade dieser unwiederbringliche Moment, in dem sich unser aller Menschlichkeit am konkretesten realisiert, in dem wir wirklich bei uns sind? Unter uns? Und entscheiden, was wir aus der Situation machen? Und was die Situation mit uns macht? Lebt Kunst nicht gerade von diesem Element? Von ihrer Präsenz?


















